BILD: Flaneur Artikel von Mira Mare, 26. März 2001

Flaneur

» "Naiv." // "Wie bitte?" // "Ich bin naiv" // "Warum tun sie das?" // "Ich weiß nicht. Das kann ich gut."

Was gibt es nicht für schöne Medien, und dazu passend schöne Inhalte. Zeit müßte man haben für "die Zeit", Bücher mit vielen Seiten, die vielen wirklich guten Filme in der Videosammlung, und jetzt noch das Internet, die Potenzierung der Inhalte und der Geschwindigkeitsvorgabe: jetzt oder nie. Wer einmal anfängt findet das, was er braucht. Die Frage ist nur: wozu? Wir werden immer klüger. Tatsächlich wird die Menschheit intelligenter. Unsere Sprache wird differenzierter, wir können in Nuancen ausdrücken und durch mehreren Ebenen "zappen". Und immer gibt es diese eine Hintertür: Ironie, das Bewußtsein, gegen Windmühlen zu kämpfen, und wissend über Naivitäten zu lächeln. Andeuten, nicht aussprechen: "Eigentlich wissen wir beide ja, worüber ich spreche." Augenzwinkern. Lächeln.

Es ist schlau, sich gegenseitig zu bestätigen, selbst in der Auseinandersetzung. Das tut keinem weh. Und wenn doch ein Kommentar zu schmerzen beginnt, wie jüngst Trittins ehrlich gemeinte Beleidigung, ist das ein Risiko. Man darf nur denen weh tun, die sich nicht wehren können. Klingt das naiv? Entschuldigung. Es ist mir so rausgerutscht. Natürlich haben die Schwachen auch - Rechte. Sie haben vielleicht nicht unbedingt die Möglichkeit, sie wahrzunehmen, aber man kann ja nicht alles haben. Dafür haben wir eine funktionierende Marktwirtschaft. Aber das ist ein anderes Thema. Obwohl es schon lohnend ist, darüber nachzudenken, wie man sich am Besten verkauft. Nicht den Körper, aber unter einer Seele läuft hier gar nichts mehr. Mit allem was dazugehört.

Also doch den Körper verkaufen? Solange die Grenze zwischen Spaß und Lust nicht überschritten wird: Ja! Ein Manager, der bei Kursgewinnen Orgasmen bekäme wäre gesellschaftlich nur schwer erträglich. Wir wissen ja inzwischen, daß auch Prostituierte und Pornodarsteller nur ihren Job machen. Und sich die wirkliche Lust für das traute Heim aufbewahren. Das ist anständig. Da gehört Lust hin. Und nur dorthin. Entschuldigung. Ich hab mich schon wieder ablenken lassen. Mein Thema verfehlt. Verfehlung ist ein schönes Wort, nicht wahr? Das hat mit Erfolg zu tun. Damit, daß man sich ein Ziel setzt und es auch erreicht. Das soll vorkommen. Gut ist, wenn man dahinter noch ein Ziel hat. Und noch eins. Man könnte natürlich auch flanieren. Wieder ein schönes Wort. Wer bewußt das Ziel verfehlt flaniert.

Naivität hat eine Chance, die zu nutzen ist: Sich lächerlich machen zu dürfen. Das Denken flanieren zu lassen. Ideen zu entwickeln, die keine bereits gedachten Ideen sind. Wir dürften wieder moralisch sein, wir dürften wieder U2 gut finden, wir dürften einfach einfach sein und einfache Sprachen sprechen. Wäre das nicht schön?

Und man dürfte vielleicht, ganz naiv und unschuldig, auch wieder diese eine Frage stellen: Warum?

Warum sprechen wir mit Sprachen, die uns angelernt wurden? Warum nehmen wir die Bedeutung der Worte einfach hin? Warum sind die Worte Erfolg, Schönheit und Intelligenz so wichtig? Warum werden Menschen, die ihre eigene Sprache entwickeln, nicht ernst genommen. Warum wird versucht, alles aneinander anzugleichen. Warum ist es klug, dumm zu sein. Und dumm, klug zu sein. Aber warum ist es trotzdem wichtig, klug zu wirken? Warum haben wir Lüste und keine Worte dafür. Warum schließen wir die Menschen aus, die keine Worte haben. Warum sind Menschen aggressive Horden, von ein wenig Zivilisation notdürftig zusammengehalten? Warum ist es so schwierig, daß Menschen mit eigenen Sprachen untereinander zurechtkommen, warum müssen sie sich gegenseitig verletzen, warum stehen sie nicht zusammen in dem, was sie sind: Unperfekt. Warum glauben wir an die Perfektion als Ziel? Warum sehen wir nicht, daß Perfektion kein Ziel sein kann? Warum haben wir immer nur Angst, Angst davor uns zu blamieren, zu scheitern? Warum glauben Menschen an Zufriedenheit? Warum geben sie sich damit zufrieden? Warum, verdammt nochmal, hört uns keiner zu? Warum haben wir nicht die Macht, etwas wesentlich zu verändern?

Wir haben die Macht nicht, weil wir keine akzeptierte Sprache dafür finden. Weil wir nicht denen glauben, die schwach sind. Obwohl die Schwachen uns sagen könnten, was das Wesentliche ist. Was es bedeutet als Mensch zu scheitern. Weil das Leben als Ausgestoßener der Gesellschaft das wirkliche Leben ist. Weil das, was wir an Möglichkeiten haben, uns zu betäuben, eben nur Betäubungen sind. Wir haben Produkte an die wir glauben. Wir haben Märkte. Wir haben eine Weltwirtschaft. Wir haben ein globales Internet. Aber wir haben noch immer keine gemeinsame Sprache, wir haben nur eine Zuflucht, einen Weg, eine Möglichkeit um Mensch zu werden. Stehenzubleiben und zu schauen. Das Denken zu wagen. Wortgebende zu sein. Keine Schlagworte, sondern die Worte, in denen das Lebendige sich öffnet. Es gibt ein Ich, das werden will, und dieses Ich sucht diesen einen Menschen, genau einen Menschen zu erreichen.

Dich. «


Kommentiert von: Sen Kra Daog, 18. Oktober 2001

Es ist wie eine Zerrissenheit. Man steht neben sich selbst, und fragt: "Warum?" Man möchte ausbrechen, man will Antworten. Doch es wird keine Antworten geben. Unser Ziel ist die Suche und das Streben nach Wissen. Woher? Und wohin? Und was zwischendurch? Einige nennen es Philosophie, andere die Wahrheit, die angeblich irgendwo "da draußen" auf uns wartet. Aber sie wird vergeblich warten, denn wir werden sie nicht finden.

Und immer wieder Fragen. Die Stille ist ohrenbetäubend.

Vielleicht kennt der eine oder andere das Gefühl der Suche. Der Zerrissenheit. Dem Wunsch nach Gutem. Es ist da wie ein Stachel im Fleisch. Doch auch hier gibt es keine Antworten. Ich gehe ins Internet und gebe den Suchbefehl "Schönheit" ein. Das Ergebnis spottet jeder Beschreibung.

Heute, nach langer Suche, habe ich das Gefühl, mit dem Entdecken dieser WebSite einen Schritt weiter gekommen zu sein. Ich verspreche auch, den nächsten Kommentar sorgfältiger, unspontaner und mit Rechtschreibprüfung und Wortwahl zu schreiben.

Danke.


Kommentiert von: Clarice Star, 24. Mai 2002

schönheit, lust & kursgewinne...

herrschen tatsächlich houellebeqsche kampfzonengesetze?

ich kaufte das buch "die ausweitung der kampfzone" von houellebecq und habe es nun vor dem letzten drittel beiseite gelegt - es ist gar zu nervtötend-deprimierend, obwohl der stil außergewöhnlich und beachtenswert ist.

ja, die standardisierten bilder, die uns die allanwesende medienwelt täglich liefert, wirken abstumpfend, zusammen mit dem einheitsgebot wie männer und frauen auszusehen und was sie dafür zu tun haben... to be beautifull or not to be...

weshalb nur wissen so wenige menschen, daß man sich dafür e n t s c h e i d e t schön zu sein und daß man es nicht (automatisch) ist, weil die maße von körper und gesicht der mode entsprechen?

nichts ist einfacher, als sich unattraktiv zu machen: man ziehe irgend etwas farblosunförmiges an ("es ist mir piepegal, wie ich auf andere wirke"), lasse die schultern hängen ("ich spüre täglich die schwere des lebens"), ziehe die mundwinkel nach unten ("nichts kann mich amüsieren") und schaue beständig auf den fußboden ("rühr-mich-bloß-nicht-an: niemand und nichts interessiert mich")... kurz: man schlurfe durchs leben wie michel houellebecq...

mag man menschen, die exhibitionistisch leiden? nein, sie werden allenfalls bedauert - sofern sie nicht in der nachbarschaft wohnen.

narzißmus, abgrund, erstarrung, düsternis, gier und hoffnungslosigkeit überall: "heben sie die säume ihrer gewänder hoch, meine damen, wir werden uns nun aufmachen zur besichtigung der hölle."

der vereinzelte als verlierer, der in der annahme, es handele sich um ein naturgegebenes recht, dem phantom glück fa(d)(st)-food-fressend durch sämtliche pay-tv-kanäle hinterherjagt...
vergeblich.
natürlich.
denn: die fähigkeit zu jeglichem menschlichem kontakt in dieser unserer gesellschaft - angeblich auf immer perdu.
deshalb: ein konstanter zustand permanenten mangels.
die folge: verzweiflung, wunsch nach der eigenen auslöschung (hier grüßt von ferne die o.), tötungsabsichten...

aber das alles ist doch selbst verursacht: zuhause vor dem fernseher lernt man eher selten neue Leute kennen...

ach, man ist den umständen ausgeliefert.
man ist ja unattraktiv.
und keine rettung.
nirgendwoher.
wer nicht geliebt wurde, dem blieb bisher immer noch gott. der liebt schließlich jeden.

aber was, wenn nicht?

im freien erotischen wettbewerb ist laut houellebecq das primärzahlungsmittel die physische attraktivität, mit der verdrängungswettkämpfe ausgetragen werden (frauen müssen schön sein! männer müssen reich sein! erotik ist nur da für schöne, schlanke, gesunde, junge! wieso übernimmt houellebecq das unbesehen?).

sein protest, so es denn einer ist (?), klingt nüchtern und teilnahmslos, selbst in den momenten, wo es der ständigen verzweiflung wider jegliche logik gelingt, höhepunkte zu erreichen. und wie sollte er anders klingen? seine gesetzmäßigkeiten sind die eines konsequenten informatikers, seine binäre logik (strom an/strom aus) ordnet ein ohne zu hinterfragen:
gier und ekel.
haben wollen und nicht-sein-wollen.
alles oder nichts.
ich oder die anderen.

"wo es für geist und erotik keinen raum mehr gibt, muß lust ja un(be)greifbar werden..."


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