BILD: 2001: HALs vergangenes Zukunftsvermächtnis oder welche Inspirationskraft TV-Anwälte und Platon entfesseln können Artikel von Steff Fehrle, 23. Februar 2001

2001: HALs vergangenes Zukunftsvermächtnis oder welche Inspirationskraft TV-Anwälte und Platon entfesseln können

» Es ist spät. Das gedämpfte Licht in meinem Büro kämpft gegen die Dunkelheit an. Ich sitze an meinem Schreibtisch und blicke in die Nacht hinaus. Meine Blicke und Gedanken schweifen umher. Hin und wieder folgt mein Auge zwischen den Bäumen einem einsamen verlorenen Wagen, dessen Licht auf der nassen Strasse verzerrte Fratzen schneidet. Ich kehre zurück in mein Büro.

Eigentlich wusste ich, worüber ich schreiben wollte. Nicht alle Details, aber der Rahmen war da. Schließlich haben wir 2001. Spätestens jetzt sollte jeder aus seinem Dornröschenschlaf erwacht sein und begriffen haben, dass die Zukunft nun wirklich begonnen hat. Dank Stanley Kubrick können wir das Jahr nun zum zweiten Mal durchleben; und wenn uns das nicht gefällt, können wir immer noch zum Film zurückkehren, denn, seien wir ehrlich, die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Und schon gar nicht die gegenwärtige. Aber es ist wie es ist und es ist und wird wohl das Jahr des Kubricks, in dem manches geschehen ist, ich bitte um Verzeihung: geschehen wird; dessen Unwort zum ersten Mal eine Zahl sein könnte: 2001, und in dem viele mit dieser "kabbalistischen Zahlenspielerei" zumindest formal kokettieren. Bereits letztes Jahr im Sommer veröffentlichte z. B. Frank Schirrmacher auf edge.org einen Artikel mit dem Titel: "Beyond 2001. HAL′s legacy for the enterprise generation".

Meine Blicke und Gedanken beginnen wieder umherzuschweifen. Sind wir einsam? Und verloren? Sind unsere menschlichen Spiegelungen fratzengleich? Jene Spiegelbilder des Lebens aus Platons Liniengleichnis, die wir im Fahrwasser unser vermeintlichen Realität wahrnehmen und darüber Vermutungen anstellen? Sitzen wir in seiner Hölle, ich bitte erneut um Entschuldigung: Höhle, und sehen uns selbst als Schatten an der Wand tanzen?

Meine melancholische Stimmung rührt von anderer Seite her. Durch zwei Anwälte in Filmen wurde ich vor nicht allzu langer Zeit an etwas erinnert. Der eine hielt ein Schlussplädoyer über die Liebe an sich, bevor er tot im Gerichtssaal zusammenbrach. Der andere musste wegen seiner Liebe an sich, der speziellen Liebe zur Gerechtigkeit, einen steinigen Weg gehen und dem Tod in eins seiner Gesichter blicken.

Liebe. Ein seltsames Wort. So mächtig. Und schwach zugleich. Unzählige Male über Jahrtausende hinweg gebraucht. Unzählige Male missbraucht. Verbraucht. Dieses Wort, so mag man meinen, sei wenig zukunftsfähig. Was hat es mit dem Jahr 2001 zu schaffen? Was hat es überhaupt mit unserer Realität zu schaffen? Es gehört in alte Bücher, Filme, Songs, Skulpturen und Bilder. Aber doch nicht in unsere postmoderne Zeit. Ist dem wirklich so?

Ich denke, eine gesunde Vorsicht sei geboten. Vor nicht allzu langer Zeit kamen bildgewaltige Wogen vom Makrokosmos über uns. Amoklaufende Supercomputer. Durch den Weltraum dahingleitende Monolithen. Die Sterne schienen greifbarer denn je. Ein Menschheitstraum über tausende von Jahren. Doch erlebten bzw. erleben wir nicht eine Ernüchterung? Eine Abkehr? Schlagen Sie die Wissenressorts und Feuilltons, meinethalben auch die Börsenzeitungen auf. Die Sterne sind duster. Sie leuchten nicht mehr. Lang lebe der Mikrokosmos. Ein Hoch auf die Gene. Nanos for president. Das andere Extrem. Mal sehen, wann das Wahrgenommene, das Spekulative aus beiden Bereichen das Hier und Jetzt als treibende Kraft voran bringen wird. Da gibt es doch sicherlich noch viel zu bewegen. Zum Beispiel bin ich gespannt wie dieser Kosmos dann genannt wird. Next Cosmos? One Cosmos? (>> Old Economy >> New Economy >> Next Economy bzw. One Economy)

Und die Liebe? Auch sie wird wieder auf der Bildfläche erscheinen oder zumindest wird sich etwas auf der Wasseroberfläche spiegeln, das wir dafür halten. Nicht, dass sie irgendwann einmal gänzlich verschwunden war, wie man annehmen könnte. Vielmehr versteckt sie sich von Zeit zu Zeit nur sehr gut, dass man halt phasenweise Mühe hat, sie auszumachen. Und sie wird sicherlich auch zukunftsfähiger werden. Nein, es wird nicht mehr allzu lange dauern, da wird sie einen beträchtlichen Wert in dem so feindlich gesinnten Territorium der Wirtschaft darstellen. Dort wird sie dann zigfach multipliziert, vielleicht gleich einem homöopathischen Mittel verwässert und mit eSpeed als menschengöttliche Email in die restlichen Bereiche des Lebens zurück geschickt werden, wo sie letztlich versickert und vielleicht wieder etwas neues erwachsen lässt. Später.

Aber zunächst werden Menschen (Unternehmen und Märkte sind Menschen!) langfristig nur bestehen können, wenn sie das, was sie tun, mit Liebe und Hingabe tun. Materieller Ansporn allein wird als motivierende Antriebskraft ergänzt werden müssen. Auf welche Art und Weise auch immer. Aber sicherlich nicht von heute auf morgen. Manche Menschen werden mutig, andere eher verhalten, die meisten werden wohl eher zaghaft neue Dinge ausprobieren, werden andere, nicht so ausgetretene Wege beschreiten. Produkte und Dienstleistungen verändern langsam ihr Gesicht, denn sie sind von Menschen für Menschen gemacht. Allzu häufig und allzu gern vergessen.

Diese Internetseite zum Beispiel, mitsamt der dahintersteckenden Menschen von Angel and Vampires, die einem ungewöhnlichen Gedanken folgen, soll ein solcher Schritt, ein solcher Liebesbeweis sein. Ob mutig, verhalten oder zaghaft, wir werden sehen, wie sich was entwickelt. Das ist etwas, was uns 2001 zeigen wird und kann. Und wir werden sehen, wieviele folgen werden oder bereits aufgebrochen sind zu neuen Ufern. An sie alle sollten wir hin und wieder denken. Und das nicht nur dieses Jahr. Vielleicht sollten wir ihnen zwischendurch eine Email schicken.

Was da drin stehen soll? Aber das ist doch, meine lieben Leser, ganz einfach: Ich liebe... «


Kommentiert von: Beach, 09. März 2001

Nachdem ich diesen Artikel gelesen hatte wurde mir wieder einmal klar, wieviele Freunde man eigentlich hat, in unmittelbarer Nähe, doch ohne von ihnen zu wissen. Wir teilen dieselbe Vision und wirken jeder an seinem Ort. Das was Werbung und Medien uns als Realität verkaufen wollen ist eben zum Glück nicht einmal die halbe Wahrheit...


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