BILD: Bush beats Moore: Die republikanische Wundertüte und das europäische Staunen Artikel von Hannes Oberlindober, 15. Oktober 2004

Bush beats Moore: Die republikanische Wundertüte und das europäische Staunen

» Wen kann es wundern, dass George W. Bush sich als auserkoren dünkt?
Irgendwann musste er sich einfach fragen, wieso ein nichtsnutziger Versager, Hahnrei und Alkoholiker ausgerechnet in einer derart privilegierten Umgebung aufwächst und sein Dasein fristet, und dies noch mit 40 Jahren.

Dafür kann es - unterstellt man Gott nicht Zynismus oder leugnet gar seine Existenz - gar keine andere Antwort geben, als dass der Allmächtige mit diesem Sünder etwas Besonderes vorhat. Und da die Diskrepanz zwischen den elitären Voraussetzungen, die der Auserwählte vorfand und seiner ziel- und sinnlosen Lebensführung gar so krass ist, muss es sich nicht nur um etwas Besonderes, sondern um etwas Bedeutendes und Grundsätzliches handeln.

Uns mag dies mittlerweile fremd sein, wir sollten aber nicht
vergessen, dass wir auf europäischer Ebene uns ernsthaft über die Verankerung eines christlich geprägten Gottesbegriffes in der Verfassung auseinandersetzen. Selbst wenn man dem Vorwand der Integration von Traditionen und Werten `Glauben` schenkt zeigt doch schon die Debatte selbst, dass wir durchaus weit davon entfernt sind, Laizismus tatsächlich als Wert an sich zu begreifen. Der Gottesbegriff gehört nicht in eine politische Verfassung, wenn man es mit dem Laizismus ernst meint.
Ohne die vehemente Forderung nach dieser Hintertür bewerten zu wollen, durch die Frömmigkeit in den Verfassungsrang rücken soll, womit unter Glaubensfreiheit eher die Freiheit gemeint ist, nicht zu glauben, als die Freiheit des Glaubens, möchte ich doch feststellen, dass das Hochhalten dieser Traditionen und Werte doch bedeutet,
Persönlichkeitsstrukturen eigentlich nicht so gar absurd finden zu können, die ein Erweckungserlebnis hatten und sich fortan als auserwählt erachten. Immerhin verehren die Christenmenschen einen Heiland, welcher der festen Überzeugung war mit Gott als seinem Vater zu sprechen und der in seiner Gewissheit so fest war, für die Sünden der Menschen zu sterben.
Können die Christen eigentlich ausschließen, dass George W. Bush von Gott für eine große Sache ausersehen wurde?

*

Zugegeben - das ist Polemik. Dennoch denke ich, dass die
entschiedene Ablehnung, die der republikanischen Frömmelei und der Politik und Person des G.W. Bush in weiten Teilen Europas entgegenschlägt selbst ihre sakralen Aspekte trägt; denn sie werden als Anschläge auf unsere Dogmen aufgefasst. Wenn es doch dabei bliebe:
während wir uns in der politischen Ohnmacht gegenüber dem
Veränderungsdruck der Globalisierung geradezu suhlen und diesen Druck schlicht und ergreifend bei denjenigen abladen, die der Staat eigentlich vor diesem Druck schützen sollte und denen er statt dessen mehr oder minder unverblümt einbläut, sie seien selber daran schuld, verändert ein dahergelaufener Evangelist einfach die Welt, und dass in einer Weise und in eine Richtung die uns nicht passt. Warum eigentlich passt sie uns nicht? Weil Bush gelogen hat, als es um im Irak ging? Weil Donald Rumsfeld vom `alten Europa` geredet und die Verbündeten verprellt hat? Weil ein Präventivkrieg unter Brüskierung der UNO begonnen wurde? Weil Bush vom
`Kreuzzug gegen das Böse` geredet hat?

In all dem - auch nicht im rigorosen Aufblasen des Defizits -
lässt sich kaum etwas erkennen, was nicht auch zu Instrumentarien des politischen Handelns in unseren Breiten gehören würde (erinnert sich noch jemand an Scharpings Vorstellung des angeblichen „Hufeisenplanes" der Serben zur Ausrottung der Albaner im Kosovo?). Was uns in einer gewissen Einmut von politischen Handlungsbevollmächtigten und weiten Kreisen der Bevölkerung(en) vor allen Dingen fuchst ist die souveräne Ignoranz politischer Realitäten, die wir zu kennen - glauben. Was uns auch fuchst, ist die Entschiedenheit, mit der dieser intellektuell Minderbemittelte zur Sache geht. Das fehlende Zögern, die fehlenden Zweifel legen wir als Zeichen von Dummheit aus, damit unsere eigene
Zögerlichkeit, Zaghaftigkeit, Unentschlossenheit und Passivität
wenigstens als Zeichen von Klugheit dastehen kann. Was uns zutiefst empört ist, dass wir doch zu wissen glauben, was die politische Realität ist, nämlich die all unsere Dogmen des politischen Weltbildes versammelnde Einsicht, dass die Politik sich den Realitäten anzupassen habe (die wir zu kennen meinen) und nicht etwa einfach daran gehen kann, eine Realität nach ihren Überzeugungen zu schaffen; schon gar nicht ohne die Völkergemeinschaft, den Internationalen Gerichtshof und unilateral. In all unserer Empörung darüber, dass man unser permanentes Reagieren auf Umstände, die wir als politische Realität behaupten nicht als Tugend auffasst und einfach durch Agieren und Agitation daran arbeitet, die Umstände zu schaffen, die Realität sein sollen, verrät sich Neid. Es bricht sich auch ein Unbehagen Bahn an dem eigenen Umgang mit der Welt als Wille und Vorstellung, eben weil wir dem Weltenlauf nicht Wille und Vorstellung entgegensetzen und Realitäten nach unseren Visionen und Utopien formen, sondern weil wir defensiv, repressiv, bürokratisch und unter Schuldzuweisungen auf das reagieren, was wir als unvermeidlich proklamieren. Den Wettbewerb, den Terrorismus, den demographischen Faktor, den Klimawandel usw. Unsere Philosophie - wenn wir eine haben - ist Schadensbegrenzung, im übrigen gilt dies auch für das reflexhafte sich an die USA-Klammern unserer Konservativen. Voller Verblüffung und eifersüchtig wohnten wir einer Wahl bei, die einen (aus der Sicht vieler) Wahlbetrüger, religiösen Fanatiker, Umweltzerstörer, Jobvernichter, Lobbyisten, Faulpelz, Kriegstreiber, ökonomischen Hasardeur gleichwohl eindeutig im Amt bestätigte; weil er für Werte und
Überzeugungen stand und dies als wichtiger bewertet wurde als die Frage, ob er überhaupt in irgendeiner Hinsicht politisch richtig und immer in Einklang mit diesen Werten gehandelt hat.

Wir haben durchaus Grund, dies zu beneiden, auch wenn wir die Werte und Überzeugungen ebenso so wenig teilen, wie wir das Handeln für richtig erachten, das sich daraus ableitet. Doch die Wirkungsmacht der Überzeugungen und die Entschiedenheit des Handelns kann uns mit Recht unheimlich sein und sollten die Frage aufwerfen, was wir dem entgegen
zu setzen haben, außer Empörung?

Glauben jedenfalls nicht, denn es scheint so, als hätten wir mit der durchaus zu begrüßenden Zurückdrängung des religiösen Glaubens als politische Triebkraft jedweder Form von Glauben den Zahn gezogen. Außer dem Glauben an die eigene Zahnlosigkeit gegenüber der normativen Kraft des Faktischen, dessen Substanz die Behauptung des Faktischen ist, sonst nichts.

*

Sogar Zutrauen in die Übereinstimmung von Rede und Handeln als politisches Gebot mit Gewicht vermögen wir kaum zu entwickeln. Das ist kein Wunder.

Auf der Ebene der politischen Repräsentation agiert - glaubt man zum Beispiel den wöchentlichen Berichten des SPIEGEL - ein höfischer Intrigantenstadl. Verfolgt man die Berichterstattung (nicht nur) des SPIEGEL über deutsche Innenpolitik, so besteht diese ausschließlich aus Machiavelismus, Egoismus, Machtgier, Kleinkrieg, Korruption, Eitelkeit, Hintertriebenheit etc. Der Begriff `Bananenrepublik` wäre noch zu gehaltvoll. Die Metaphorik gerät entsprechend: Krieg, Scharmützel, Stutenbissigkeit, Parteien und politische Institutionen kommen herüber wie Klingonenhorden im Blutweinrausch und einzelne Akteure sind Synthesen aus Feigheit, Brutalität und Zynismus. Hinzu kommt, dass man
zumindest teilweise auch von den Politikern den Eindruck gewinnt, sich gerne der Existenzberechtigung des Politischen zu entledigen, wenn sie die Litanei der größeren Eigenverantwortung, des schlanken Staates und
der unentgeltlichen Mehrarbeit predigen.
Es mag ja durchaus sein, dass die höhere moralisch-sittliche und intellektuelle Warte des Feullitons nicht einfach nur zu einem eher bildzeitungstypischen Voyeurismus verführt, sondern dass die Diagnose
im Kern zutrifft. Letztlich ist indes weder den Parteien, noch den Politikern daraus ein Vorwurf zu machen, weil die Notwendigkeit der oben genannten Sekundär`un`tugenden lediglich dem Gebot des Pragmatismus gehorcht. Die genannten Charaktereigenschaften gehören zum
Rüstzeug des Realpolitikers in einer grausamen Welt mit grausamen Menschen, vor denen die Wähler nur durch Grausamkeiten geschützt werden können. Die Forderung nach `weniger Staat` entspringt dem Bewusstsein
um die harte Realität des Wettbewerbs, so schnöde ist das. Zu dieser harten Realität gehören die unpopulären Maßnahmen, der Kampf um die Macht zum Wohl des Volkes mit allen Mitteln und die latente Empörung
über die Ignoranz des Wahlvolkes.
Dennoch wird das Bild von der Ohnmacht der Politik, von der Kompromittiertheit der Politiker, von der Unbeweglichkeit der Strukturen, von der Erstarrung des Staates in Bürokratie und Verfahren, von überzeugungslosen Opportunisten und `Technikern der Macht` all zu sehr gepflegt und gehegt, um nicht Wunschbild zu sein. Sind wir wirklich der Auffassung, der Staat sei unser Gegner und nicht etwa eine Struktur, die unserem gesellschaftlichen Zusammensein und den
gemeinsamen Werten Ausdruck verleiht? Sind wir tatsächlich überzeugt, dass die Austragung von Konflikten und Dissensen lediglich Ausdruck von Eitelkeiten und Profilierungssucht ist, statt Signal einer lebendigen
Demokratie, die unsere Errungenschaft ist und die wir hochhalten?
Glauben wir in der Tat, dass sämtliche geäußerten Überzeugungen von Akteuren, die wir mit politischen Handlungsvollmachten ausgestattet haben grundsätzlich nur Lippenbekenntnisse sind? Dann sind wir tatsächlich nur ein leicht zu manipulierendes Gemeinwesen, das in
seiner kollektiven Besserwisserei übersieht, dass der Charakter der Repräsentanten und das Ansehen von Parteien und politischen Institutionen letztlich immer auf die Wähler zurückfällt. Wenn wir Politiker als `das Andere`, den Staat als `das Fremde`, politische
Institutionen als reine Verwaltungsapparate und Steuern nicht als Solidarbeiträge sondern als Diebstahl wahrnehmen, dann sind in der Tat nirgends Überzeugungen glaubhaft, sinnstiftend, identitätsstiftend und gemeinschaftsbildend vorhanden; weder auf unserer Seite noch der unserer Repräsentanten. Dann werden Staat und Politiker zu dem, als das wir sie wahrnehmen.

Umso arger ist es dann, wenn einer, den wir als Lügner bezeichnen und dies noch zu Recht ausgerechnet mit Werten (vor denen es uns gruselt) und Glaubwürdigkeit eine Wahl gewinnt. Ganz klar, dass bis auf die kleinmütigen Konservativen aus dem christdemokratischen Lager, die gerne mit Bush kuscheln wollen, kluge und nicht so kluge Köpfe jedweder Coleur Bushs Politik erst recht geißeln.

*

Die Popularität Bushs ist eigentlich nicht so verblüffend. Der Tatbestand, dass Clinton uns gut unterhalten hat in Zeiten, da obendrein die Euphorie über den Fall der Mauer und den Niedergang des Sowjet-Imperiums noch nicht verklungen und die damit verbundenen Verwerfungen noch nicht transparent waren, hat den Blick auf die USA
bunt eingetrübt. In Zeiten des Kalten Krieges war er ohnehin starr gen Osten gerichtet und die Befassung mit der amerikanischen Politik, Kultur und Gesellschaft in unseren Breiten beinahe schon per se antiamerikanisch, wobei sogar dieser Antiamerikanismus sich in Bezug
auf das Objekt seiner Abscheu irrte. Natürlich war einem der strategische Opportunismus der US-amerikanischen Politik immer bewusst, doch schon diese Wirklichkeit war eine bequeme Konstruktion. Die USA als imperialistische Weltmacht zu verstehen, die den Kapitalinteressen
dient, koppelt das Agieren der politischen Bühne von den in der Gesellschaft verankerten Werten und Überzeugungen ab, die dieses Agieren inspirieren. Wir haben also das politische Leben der USA so begriffen, wie wir nun unser eigenes begreifen; nur dass der große Bruder viel stärker und in seinem Pragmatismus großzügiger war. Grund
genug, ihn als Feindbild ebenso zu verklären wie als Seniorpartner in den Himmel zu heben. Im Windschatten der US-amerikanischen Interessen ließ es sich prima segeln, doch was sich schlichtweg nicht tatsächlich
herausbilden konnte, war eine auf eigenen Traditionen und Überzeugungen gewachsene, demokratische Kultur, die in der Demokratie kein reines Verfahren von Herrschaft sieht, sondern einen nicht hinterfragbaren Grundwert, für den einzutreten man auch unter Gefahren und Opfern
bereit ist. Die Erfahrungen mit Demokratie waren jedenfalls in Deutschland eher negativ gewesen. Die Weimarer Republik entstand ja nicht aus einer in der Gesellschaft entwickelten Grundüberzeugung, sondern lediglich, weil die Monarchie diskreditiert war. In seinem
„Tagebuch eines Deutschen" schildert Haffner die Weimarer Republik als eine `Zeit der Langeweile`, erst mit der Heraufkunft des Nationalsozialismus wurde es wieder spannend und interessant.
Auch der zweite `Versuch` der Deutschen in Sache Demokratie war Resultat der Diskreditierung der vorherigen politischen Struktur durch Niederlage. Obendrein handelte es sich um eine Demokratie als
amerikanischer Importartikel. An der Frontlinie des sich entwickelnden Ost-West-Konfliktes herrschten insofern spiegelverkehrte Verhältnisse.
Die Gesellschaftsform beider deutschen Länder war ein Import und nicht etwa eine gewachsene Struktur, die aus gemeinsam entwickelten Werten und Überzeugungen resultierte. Umso entschiedener arbeitete man in
beiden Ländern an der Umsetzung. Der Mangel an Überzeugung wurde kompensiert durch Fleiß und Elan, dessen Ausdruck Wirtschaftswachstum und Planübererfüllung sein sollte. Mit Fleiß biedert man sich an.

Das Wirtschaftswunder in Westdeutschland war kein Wunder, sondern von den Westalliierten gewollt. Die Formel Demokratie = Wohlstand haben die Westdeutschen im Wortsinne gefressen; dass wir Demokraten waren,
war unsere Art des Gehorsams und der Dankbarkeit gegenüber den Befreiern und dafür, dass der Marshall-Plan und nicht der Morgenthau-Plan realisiert wurde. Es bleibt noch völlig dahin gestellt, wie es mit der demokratischen Kultur bei uns beschaffen ist, wenn die Formel Wohlstand = Demokratie nicht mehr funktioniert. Art und Umfang
der Kritik am Staatswesen, an Politikern, an Politik stimmen einen nicht unbedingt optimistisch. Dabei wären grade Werte und Überzeugungen, auf die sich Demokratie abgesehen von der Auffassung gründet, nur sie sichere den Pluralismus, den der Markt zur Diversifizierung von Zielgruppen benötigt, das Fundament, um Realität
nicht einfach zu akzeptieren und zu reagieren, sondern Realität gemäß den eigenen Vorstellungen zu gestalten, wie es im Prinzip nicht nur die amerikanische Politik zur Zeit vor `exerziert`, sondern wie es die amerikanische Gesellschaft (und nicht nur die) auf den Gebieten
Technologie, Wissenschaft, Forschung, Sport, Unterhaltung schon lange vormacht. Wir könnten zum Beispiel damit beginnen, dass wir uns gegen eine Privatisierung von Ressourcen der Grundversorgung auch dann
wehren, wenn die Ökonomie uns mit dem Arbeitsplatzargument erpresst, weil wir der Überzeugung sind, damit recht zu tun (völlig abseits pragmatischer Erwägungen). Das wäre im Geiste `amerikanisch` und in der Sache eigen. Doch so demokratisch sind wir grade jetzt nicht - schon Willy Brandt formulierte in prosperierenden Zeiten: wir müssen mehr
Demokratie wagen. Dies als Wagnis zu bezeichnen dokumentiert, wie lose aus Sicht Willy Brandts Demokratie tatsächlich in den Köpfen und Herzen der Menschen verankert war.

Nun ist die Ära des Parvenü Clinton, dessen infantile Erotomanie und dessen Ignoranz der Arbeits- und Lebensbedingungen der nicht in der glamourösen High-Tech-Branche beschäftigten Werktätigen den Republikanern erst in Gänze das riesige Spielfeld der Werte, des Glaubens und der Überzeugungen eröffnete, vorbei; und das vormals geteilte Deutschland ist nun ein gespaltenes Deutschland.
Symptomatisch, dass als Kanon im deutschen, schizoiden
Kollektivgedächtnis der Tag der `Wiedervereinigung` für einen solchen Wirbel sorgt, tastet man ihn an. Ging es bei Fall der Mauer um Wiedervereinigung? Dieser Tag war deshalb ein Tag der Freude, weil eine Gefangenschaft endete, das wäre zu feiern. Doch hochleben lassen wir
die nationale Integration und wundern uns noch darüber, dass Horizonte sozialer Erosion und die Insistenz des West-Ost-Gefälles als Konstanten sozusagen zwei totalitäre Klammern erzeugen, die sich gerne zu einer geschlossen Volkswirtschaft schließen wollen: eine nationalistische und
eine sozialistische. Kommt einem bekannt vor. Angst vor Globalisierung, Angst vor Überfremdung, beides Ausdruck ein und derselben Furcht, überrollt zu werden, eine Furcht die allerdings vor allem deswegen so würgend ist, weil man diesen Bedrohungen nicht auf Basis geteilter Überzeugungen und Werte entgegen treten kann. Uns geriet bezüglich den USA aus dem Blickfeld, dass die Innovationen, die enormen technischen Entwicklungen eben so wie die krassen Gegensätze und die
verhängnisvollen Tendenzen nicht etwa Ausdruck politischen oder kalkulatorischen Pragmatismus war (wobei es auch zu Fehlkalkulationen kommen kann) sondern gespeist waren von konservativen Werten, nicht nur
bei den republikanischen Landeiern, sondern auch bei den Demokraten. Patriotismus, Nationalismus, Religiösität; bei uns weitgehend diskreditiert durch Aufklärung, Krieg, Totalitarismus, an deren Stelle sich Werte einer weltoffenen, liberalen und demokratischen Gesellschaftsstruktur im ökonomischen Wandel erst noch zu bewähren haben. Nehmen wir nur diese drei Grundwerte, so wirken diese als sozialer Kitt über ökonomische und soziale Kluften hinweg und sind
Basis für Visionen, die erst als Utopie formuliert und dann zu Realität geformt werden. Die Atombombe, der Flug zum Mond, der Sieg des Guten über das Böse...

*

Uns Schlaffis irritiert besonders, das Helmut Schmidts Wort eben nicht Weltgesetz ist: wer Visionen hat, sollte nicht in die Politik, sondern zum Arzt gehen. Mag ja sein aus der Sicht eines Moralisten und Pragmatikers, dessen politische Strategien gekennzeichnet sind von Vorsicht und Diplomatie. Diese Nüchternheit passt in eine Zeit, in der
die Welt klar gestaltet war. Ost-West-Konflikt, Nord-Süd-Gefälle, Nahost ein Schwel-, aber zumeist kein Flächenbrand. Charismatiker Bill Clinton kam uns da grade recht mit seinem „It?s the economy, stupid".
Aus unserer Sicht machten die Demokraten unter Clinton Realpolitik, doch das Kennedy-Image Clintons erweckte bis in republikanische Kreise den Eindruck, es mit einem Visionär zu tun zu haben.

Die Fähigkeit zur Vision ist - mehr noch als deren erfolgreiche Realisierung - eine Grundvoraussetzung für eine politische Karriere in den USA. Was wir drögen, aufgeklärten und desillusionierten Apparatschiks der Demokratie, deren politische Kreativität sich in
ordnungs- und finanzpolitischen Tricksereien und der Formulierung durchsichtiger Marketingslogans für soziale Zumutungen erschöpft (aus Kopfpauschale wird Gesundheitsprämie) nicht begreifen, wenn wir uns
über die us-amerikanischen Wähler wunden ist, dass religiöse Menschen Visionen als etwas göttliches auffassen. Sie werden gefordert und sie werden als göttlicher Auftrag verstanden, Realität im Sinne der Vision zu formen, auch wenn dies noch so viele (unschuldige) Opfer verlangt.
Niemand verkörpert eine solche Konsequenz und Entschiedenheit so klar, wie George Bush - er ist sogar bereit, für diese Konsequenz die Fakten zu verdrehen wie ein `typischer` Politiker.

Wenn denn George W. Bushs Politik wenigstens erfolglos wäre, dann ließe er sich zum Kretin herabwürdigen und seine Wähler zu von Inzest und Sodomie verblödeten Freaks.

Welche Erleichterung, wäre dies so. Doch schon die überzeugende Wiederwahl ist als solche ein politischer Erfolg. Wirtschaftspolitisch verweist George W. Bush auf die zarte Pflanze Konjunktur, die nun nach Niedergang der New Economy, Enron-Skandal und 9/11 anziehe (was
Wirtschaftsunternehmen im übrigen bestätigen). Er proklamiert also bislang nichts anderes für sich als auch die Bundesregierung, wenn sie auf außerordentliche Umstände der wirtschaftlichen Entwicklung verweist. Er hat das Versprechen gehalten, ohne Steuererhöhungen
auszukommen, Saddam Hussein ist beseitigt und er hat - aus Sicht vieler Amerikaner - nach der Okkupation durch den Raucher, aber-nicht-Inhalierer Clinton dem Weißen Haus seine Würde wieder gegeben.

Für eine Bilanzierung des bellizistischen Kurses ist es sowohl was Afghanistan angeht als auch was den Irak betrifft zu früh. Ebenso ist es verfrüht, von einem zweiten Vietnam zu sprechen. Es bringt jedoch relativ wenig, George Bushs Politik nach so rationalen Kategorien
beurteilen zu wollen, wie Erfolg oder Misserfolg. Ein solches Herangehen kann nur zynisch sein, weil diese Beurteilung der Auffassung folgt, der Zweck heilige die Mittel und Erfolg legitimiere jede Vorgehensweise. Viel mehr muss man die Frage beantworten, ob man
generell die Werte, Überzeugungen, Ziele und Vorgehensweisen, ob man letztendlich die Vision teilt, die dem Handeln der US-Regierung zu Grunde liegt. Teilt man sie nicht, hat man Stellung zu beziehen und auf Basis der eigenen Werte, Überzeugungen, Ziele und Vorgehensweise,
letztlich auf Basis einer Vision der Zukunft der Welt Entscheidungen zu treffen und zu vertreten. Dazu müssen zumindest die Werte, Überzeugungen, Ziele und the vision thing in der Bevölkerung nennenswerte positive Resonanz finden. Was sie nur können, wenn den gewählten Vertretern und den Kandidaten zur Wahl Überzeugungen, Werte, Integrität etc. zugetraut und nicht abgesprochen werden.

Die martialische Rhetorik des `Predigers` George Bush mag man eben so ablehnen, wie das Prinzip des Erstschlags, das Prinzip des Unilateralismus, das Prinzip der religiösen Grundierung politischen Handelns, das Prinzip der ethisch-moralischen Regression in überwunden
geglaubte Vorstellungen der Rolle von Mann und Frau, der Familie, der christlichen Moral etc. Was jedoch bleibt, ist eine entschiedene Haltung im Umgang mit allen Themengebieten, die auch uns angehen:
innere Sicherheit, Terrorismus, `clash of civilizations`, soziale Sicherung, ökonomische Entwicklung. Es mögen alles Haltungen sein, die uns nicht passen, die aus unserer Sicht verhängnisvolle Konsequenzen haben, doch ihnen überzeugend entgegen zu treten ist nur möglich auf
der Basis von eigenen Überzeugungen, Werten und Vorstellungen von der Zukunft, die in einer Bevölkerung akzeptanzfähig sind und auf Basis eines Vertrauens und Zutrauens in die Bereitschaft der Repräsentanten,
für diese Werte, Überzeugungen und Ziele einzutreten: auf Basis von Selbstvertrauen also, aber nicht primär in die ökonomische Leistungsfähigkeit und Leidensbereitschaft im `Überlebenskampf` (auch der Sozialdarwinismus ist eine rückwärtsgewandte Überzeugung), sondern in die formende, gestaltende und motivierende Kraft der eigenen Ideale.

Sich von Ohnmacht zu befreien, Angst zu überwinden funktioniert nicht dadurch, dass eine Regierung mehr Selbstverantwortung anordnet.
Es bedarf dazu in erster Hinsicht des Idealismus und erst bei der Wahl der Methoden des Realismus. Grade die Deutschen sollten in Anbetracht der unblutigen Revolution, die zum Mauerfall führte, den Idealismus als Triebfeder von Zivilcourage, gemeinschaftlichem Handeln und der
Schaffung von Realitäten nach Vorstellungen wieder entdecken.

Vielleicht stimmt es ja, dass SPIEGEL-Leser mehr wissen und die Welt zutreffend interpretieren. Doch George W. Bush zeigt - die Welt verändern, das kann jeder Idiot. «


Kommentiert von: Alexander, 19. Juli 2005

„Die Welt verändern, das kann jeder Idiot“ - finde ich super. Eigentlich sollte es den Spruch auf T-Shirts geben.


Kommentiert von: kdh, 30. August 2006

Ich lese nur den Anfang. Teile die These das jeder Idiot die Welt verändern kann und bin sicher, das das so ist. Als Christ meine ich das ungutes zwischen Christen angesprochen werden kann und muss wenn man nicht mit Dingen konform geht, meine es ist geradezu eine gewisse Einfalt - manchmal auch als Idiotie gewertet - das meine ich unabhängig von Bush - notwendig ist, um Ziele zu erreichen.

Das ist - und ich meine und erlebe das so - wie mit Petrus auf dem Wasser. Hätte er mit Jesus Diskussionen geführt, wär er untergegangen, er ist es als er sich der Tatsache bewusst wurde, das er normal nicht auf dem Wasser gehen kann. Was ich sagen will ist, das unmögliches kann Gott mit glaubendem tun und selbst wenn man nicht an ihn glaubt, wird das an seiner Faktischen Existenz sowenig ändern wie daran, das morgen die Sonne die jetzt untergeht wieder aufgeht.

Mit Bush hat das wenig zu tun, ich wollte es aber mal sagen.

Entschiedene Einfalt ist sicher auch von Idiotie abzugrenzen, aber oft gelingen Visionen, weil Menschen im Glauben handeln.
Im positiven wie im negativen warscheinlich.
Wie Gott es eben führt.


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